Das Projekt „Teilen im Roßdorf“ sammelt Spendengelder (auf Wunsch gegen Spendenquittung) für die Unterstützung von bedürftigen Menschen im Stadtteil Roßdorf. Ein Vergabeausschuss nimmt Anträge (mündliche und schriftliche) entgegen und verteilt das gespendete Geld. Konfession und Staatsangehörigkeit spielen dabei keine Rolle.

Wenn Sie mehr über das Projekt wissen wollen können Sie sich den Flyer anschauen und ein Interview lesen, das Pfarrerin Mattausch mit Lisa Bauer und Birgit Wipper geführt hat (auf dieser Seite weiter unten). Beide sind Mitglieder im Vergabeausschuss.

 

Ihre Spende überweisen Sie bitte an

Ev. Gesamtkirchengemeinde Nürtingen
KSK Esslingen, IBAN: DE13 611 500 200 1021 23 926
Stichwort: Teilen im Roßdorf

"Manchmal fühl ich mich wie ein Engel!

Das Projekt „Teilen im Roßdorf“ und seine Initiatorinnen

Für das Projekt „Teilen im Roßdorf“ spenden Menschen Geld, bekommen eine Spendenquittung, damit sie die Spende  von der Steuer absetzen können, und ein Vergabeausschuss verteilt das gespendete Geld an Menschen aus dem Roßdorf, die bedürftig sind. Konfession und Staatsangehörigkeit spielen dabei keine Rolle.

Verantwortlich dafür ist die evangelische Stephanusgemeinde.

Für die „Roßdorfpost“ haben drei der Verantwortlichen miteinander über das Projekt gesprochen. Birgit Wipper ist seit 26 Jahren Erzieherin im Roßdorfer Kindergarten Dürerplatz und Mitglied des Vergabeausschusses. Lisa Bauer ist Kirchengemeinderätin und ebenfalls im Vergabeausschuss.

Birgit Mattausch war bis 2016 die evangelische Pfarrerin.

 

Birgit Mattausch:   Wie sind wir eigentlich darauf gekommen, das zu machen?

Birgit Wipper:          Ich habe seit vielen Jahren vor Weihnachten von einer ehemaligen Kindergartenmutter 250 Euro bekommen, die ich Leuten geben sollte, die es brauchen. Und ein Jahr habe ich nichts bekommen. Dann kamst du, Birgit, und sagtest: du hättest da gespendetes Geld und ob ich eine Idee hätte, wem wir was geben könnten.

Birgit Mattausch:   Und dann haben wir das verteilt, 50 oder 100 Euro vor Weihnachten. Und 2014 hatte ich richtig viel: 900 Euro. Und uns sind ohne Probleme 15 Familien eingefallen, für die 50 oder 100 Euro eine riesige Hilfe sind.

Birgit Wipper:          Da haben wir gedacht: Warum nicht mal den Gemeindebeitrag dafür verwenden?

Lisa Bauer:                Der Kirchengemeinderat hat zugestimmt. Die Kirchenpflege, also die Verwaltung, hat uns geholfen, dem einen rechtlichen Rahmen zu geben, die Leute haben gespendet und nun verteilen wir seit Weihnachten Geld. Wir, das ist der Vergabeausschuss: Birgit Wipper und ich und Ulrich Futter, ein Jurist. Er ist sehr korrekt und sorgt dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Natürlich ist alles streng vertraulich.

Birgit Mattausch:   Was für Leute bekommen Geld?

Lisa Bauer:                Meine Klientel sind die armen Rentnerinnen – vor allem Spätaussiedlerinnen. 1997 wurde da ein Gesetz geändert. Alle, die nach 1997 eingewandert sind, bekommen nur eine ganz winzige Witwenrente. Eine zum Beispiel nur 80 Euro, wäre sie vor 1997 gekommen, bekäme sie 400 Euro. Diese Frauen haben ihr ganzes Leben gearbeitet, Kinder aufgezogen, Alte gepflegt und nun haben sie eine Rente unter dem Hartz IV – Satz. Sie bekommen zusätzlich Geld vom Amt – wenn sie es denn beantragen. Vor den Behörden haben sie oft Angst. Sie können die Formulare nicht ausfüllen. Aber auch wenn das jemand für sie macht: ein Bügeleisen zu kaufen, eine Brille, für die Krankengymnastik einen Vorschuss zu zahlen, oder auch nur vernünftige Winterschuhe zu kaufen – das ist oft nicht drin. Dabei holen sie ihre Lebensmittel schon im Tafelladen und sind sehr sparsam.

Birgit Wipper:          Ich bin eher zuständig für die Familien und da vor allem die Alleinerziehenden. Einen Schulranzen  anschaffen, auf Klassenfahrt gehen – das bedeutet eine große Belastung für arme Familien. Am Ende der Sommerferien haben die Pfandhäuser Hochkonjunktur. Ein Kind ist eine teure Angelegenheit. Manche gehen nicht zu Kindergeburtstagen, obwohl sie eingeladen werden, weil die Mutter kein Geschenk kaufen kann – und schon gar nicht eine Gegeneinladung machen. Man sieht das oft nicht. Die Armut ist gut versteckt.

Birgit Mattausch:   Meistens sagen euch die Leute das und ihr helft dann dabei, den Antrag zu stellen. Und dann bekommen sie maximal zweimal 100 Euro im Jahr. Hilft das überhaupt?

Lisa Bauer:                Es ist natürlich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber: Es bedeutet diesen Menschen sehr sehr viel. Das ist nicht nur das Geld. Manchmal fühle ich mich wie ein Engel. Ich komme so hereingeschwebt und diese alten Frauen freuen sich so sehr. Sie können es kaum glauben. Jemand hat gemerkt, wie es ihnen geht. Jemand hat sie gesehen. Und sie müssen gar nichts tun als nur eine kleine Unterschrift machen. Sie sagen: Das ist das erste Mal, dass ich in Deutschland etwas bekomme einfach so. Ohne Formular, ohne Behörde.
Dieses Geld zu verteilen macht mich richtig glücklich. Sie umarmen mich und ich bekomme Mützen gehäkelt.

Birgit Wipper:          Ich sehe das genauso. Das Geld hilft momentan. Aber dieses Gesehenwerden, das ist etwas Langfristiges. Ich habe einer Familie Geld gebracht. Die waren immer sehr schüchtern, haben kaum gegrüßt. Und jetzt strahlen sie mich an, wir reden. Ich konnte einem der Kinder einen Praktikumsplatz in einer Firma vermitteln. Ich gehe auch mit noch wacheren Augen durch die Welt als früher schon. Wer könnte noch Hilfe brauchen? Die Leute kommen selten von selber. Da gibt es auch viel Scham.

Birgit Mattausch:   Ihr seid beide Christinnen. Hat das, was ihr da tut, mit eurem Glauben zu tun?

Birgit Wipper:          Auf jeden Fall. Teilen ist für Christen doch das erste! Die viel haben, geben den anderen ab – und zwar allen, egal, welche Religion oder Nationalität sie haben. Wenn ich nur an mich denke, dann geht’s mir nicht gut. Ich weiß ja: ich bin an einem guten Ort geboren worden und habe eine Arbeit, eine Wohnung. Das ist ja nicht mein Verdienst. Das ist einfach nur Glück, das andere nicht haben.

Lisa Bauer:                Ich bin zum Teilen erzogen worden. Wir waren neun Kinder, immer waren noch mehr am Tisch und es hat irgendwie gereicht. Ich glaube, wenn man selber Armut kennt, wird man oft großzügiger.