Berichte von Veranstaltungen und Ereignissen 2012

„Es geht um unsere christlichen Wurzeln“

Eine Veranstaltung zum Schicksal verfolgter Christen im Nahen Osten


Im Rahmen der diesjährigen „Eine-Welt- und Friedenswochen“ fand am Montag, 5. November, im evangelischen Stephanushaus Nürtingen-Roßdorf eine Veranstaltung zum Schicksal christlicher Flüchtlinge im Nahen Osten statt. Eingeladen hatten das Evangelische Bildungswerk im Landkreis Esslingen; die Beauftragte für Flüchtlings-fragen im Kirchenbezirk Nürtingen; die Evangelische Stephanusgemeinde im Roßdorf und die Syrisch-Orthodoxe Gemeinde Mor Afrem Göppingen.


Im Namen der Veranstalter begrüßte Ragini Wahl, die auch den Abend moderierte, die mehr als 50 Gäste. In ihren einführenden Worten betonte sie, dass das Schicksal der christlichen Flüchtlinge im Nahen Osten immer noch ein Randthema in unseren Kirchen sei und deshalb in die Mitte gerückt werden müsse. Referentin war die syrisch-orthodoxe Nonne Schwester Hatune aus Warburg, die nach einem schweren Verkehrsunfall in Begleitung eines syrisch-orthodoxen Priesters und einer Mitschwester
erschienen war.
Schwester Hatune stammt aus einem rein christlichen Dorf im Südosten der Türkei. Im Alter von 14 Jahren ist sie 1984 mit ihrer Familie wegen lebensbedrohlicher Umstände nach Europa geflüchtet. In Holland trat sie 1986 in ein syrisch-orthodoxes Kloster ein. Anschließend folgten Ausbildung und Studium. Schwester Hatune ist Krankenschwester, Seelsorgerin und Psychotherapeutin. Zusätzlich hat sie Geschichte, Theologie und Pädagogik studiert. Sie spricht 13 Sprachen. Für ihr humanitäres Engagement hat sie 2010 das Bundesverdienstkreuz und im Sommer dieses Jahres als erste Frau den Stephanuspreis erhalten, der in Anlehnung an den ersten christlichen Märtyrer den Einsatz für verfolgte Christen würdigt. Seit 2005 leitet Schwester Hatune eine nach ihr benannte Stiftung
(Motto: „Helfende Hände für die Armen“), die in 35 Staaten sechs Millionen Menschen erreicht hat. Sie fördert eine breite Palette von Aktivitäten. So geht es über die Begleitung von traumatisierten Opfern von Flucht und Vertreibung um den Hausbau für obdachlose Familien und deren Kindern (Schulbauten und medizinische Einrichtungen ergänzen die Infrastruktur); um Gesundheitsfürsorge und Bildung; um Trinkwasserprojekte und die Versorgung mit Nahrungsmitteln in Notfällen; um die Unterstützung von Waisen und armen Kindern in Indien und Nepal und die Einrichtung von Zentren für die Berufsausbildung, die inzwischen vom indischen Arbeitsministerium anerkannt sind. Diese Hilfen sind an keine bestimmte Religionszugehörigkeit gebunden.
Im Hauptteil ihres Referates ging Schwester Hatune in kompromissloser Deutlichkeit auf die Situation der Christen im Nahen Osten ein. Dafür hat Schwester Hatune allein in diesem Jahr vier Morddrohungen erhalten, 26 sind es insgesamt! Ihre Ausführungen hatte sie mit Bildern unterlegt, die für manche Teilnehmer bis an die Grenze des Erträglichen gingen
(im Voraus hatte die Referentin allerdings schon darauf hingewiesen). Im Fokus standen die Türkei, der Irak, Syrien und Ägypten.
Schwester Hatune erinnerte daran, ausgehend vom Schicksal ihrer eigenen Familie, dass es in der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts noch 20 % Christen gegeben habe, heute seien es nur noch 0,03 %. In Antiochia, der einst drittgrößten Stadt des römischen Imperiums, seien die Anhänger Jesu zum erstenmal „Christen“ genannt worden, wie in Apostelgeschichte Kapitel 11 nachzulesen sei. Der türkische Ministerpräsident Erdogan spreche von der Demokratie als einem fahrenden Zug, auf den man nach Belieben auf- oder abspringen könne. Dies biete keine Aussicht auf sichere Verhältnisse. In den Kriegswirren Syriens würden die Christen zwischen alle Fronten geraten. Wie im Irak würden dort für entführte Familienmitglieder Lösegelder oder schlichtweg ihr Verschwinden gefordert. Christliche Soldaten, die aus der syrischen Armee desertiert sind, könnten auch nach dem möglichen Ende des Regimes Assad nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. In Ägypten seien bei einem Überfall auf eine Kirche allein 29 Kinder ermordet worden – und dies sei kein Einzelfall. 2009 habe sie mit 132 Mädchen gesprochen, von denen nur zwei nicht missbraucht worden seien, und in der Nähe von Kairo lebten 74000 koptische Christen buchstäblich im Müll. Die fehlende oder in ihren Augen beschönigende Berichterstattung in den Medien kommentierte Schwester Hatune mehrmals mit der Aussage: „50 % sind Lügen!“.
Die anschließende Aussprache nach dem Vortrag verlief mitunter kontrovers. Themen waren dabei die Rolle der Weltmacht USA als mögliche Ursache für die Radikalisierung des Islam im Zusammenleben der Kulturen; die Anfrage an Schwester Hatune, ob ihr persönliches Engagement nicht zu wenig politisch fundiert sei oder der Hinweis auf die fehlende historisch-kritische Sichtung des Korans analog zur Bibel als Beitrag zu einem notwendigen Prozess der Aufklärung. Pfarrerin Birgit Mattausch beschloss den Abend in der Kirche mit einem Gebet und dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser.
   

Gemeindeforum zum Beginn der Visitationsphase

Mitmach- und Kunstaktion beim Gemeindeforum

(we) Was ist alles los in der evangelischen Stephanusgemeinde im Roßdorf „aufm Berg“? Dies darzustellen und miterleben zu lassen, war das Ziel des Gemeindeforums am Freitag, 19. Oktober 2012. Es war der Auftakt zur Visitation der Gemeinde durch Dekan Waldmann und Schuldekanin Moser, die im März 2013 ihren Abschluss finden wird. Durch den interessanten und abwechslungsreichen Abend führte Pfarrerin Dangelmaier-Vincon.

Stephanus-Pfarrerin Birgit Mattausch und Kirchengemeinderatsvorsitzende Eva Wetzel eröffneten den Abend und stellten Programm und Akteure vor. Vier Schwerpunkte gliederten die Veranstaltung: Der Markt der Möglichkeiten, die Diskussionsrunde unter dem Motto „Außenwahrnehmung“, Darbietungen des ökumenischen Chors unter Leitung von Yvonne Denecke sowie ein Film über Gottesdienste und andere Glanzpunkte des Kirchenjahres. Und natürlich hatten fleißige Hände auch für das leibliche Wohl gesorgt; am Getränkeausschank beteiligten sich die diesjährigen Konfirmanden.

Ob es sich um die Krippenspielgruppe zum Heilig-Abend-Gottesdienst, die Kinder-Bibel-Tage, den Weltgebetstag der Frauen oder die Seniorengymnastik handelt: Alle Gruppen und Kreise, die ihre Wurzeln in der Stephanusgemeinde haben, nutzten die Gelegenheit des Gemeindeforums, sich in den Räumen der Kirche zu präsentieren. In Bild und Schrift machten sie auf sich aufmerksam, so auch die Meditationsgruppe, die ökumenische Eltern-Kind-Gruppe, der Bibelkreis oder der Stephanustreff, der aus dem früheren Familienkreis entstanden ist. Dangelmaier-Vincon: „ Das ist eine gute Gelegenheit, die Schatzkiste Roßdorf genauer anzuschauen.“

Im Mittelpunkt des Abends stand dann auch die Diskussionsrunde, die den Aspekt „Außenwahrnehmung“ ins Visier nahm. Bürgermeisterin Claudia Grau setzte dem verbreiteten „Schwarz-Weiß-Klischee“ über das Roßdorf ein buntes Bild entgegen, das die Vielfalt dieses Stadtteils betonte. Ohne die Kirchen und ihr ehrenamtliches Engagement würde die „Seele“ fehlen, sie gäben Halt in einer globalisierten Welt. In der Zukunft müsse auch im Roßdorf mehr für die ältere Generation getan werden.

Auch für Schulleiterin Iris Herbst ist das Roßdorf ein bunter Stadtteil, in dem viele Kinder und Jugendliche das Bild prägten. Für sie sei eine Zusammenarbeit mit der Kirche wichtig, wie beim Schuljahres-Anfangsgottesdienst, müsse aber weiter intensiviert werden. Der Vorsitzende der Bürgervereinigung Roßdorf und Marktleiter im Roßdorf-Lädle, Thomas Mitsch, lobte das viele Grün und die Nähe zur Natur. Durch einen Um- oder Neubau des Gemeinschaftshauses könnten Räume für vielfältige Veranstaltungen entstehen, die für das Gemeinschaftsleben notwendig seien.

Dieter Runk, verantwortlich für den Jugendtreff im Roßdorf, betonte, das Roßdorf sei ein „ganz normaler Stadtteil“. Es habe viel Platz für die Menschen, dadurch werde eine Vielfalt an gemeinschaftlichen Veranstaltungen möglich. Pastoralreferent Marcus Holzbauer von der katholischen Stephanusgemeinde betonte das „Wir-Gefühl“ im Roßdorf, das auch durch die vielfältige ökumenische Zusammenarbeit gefördert werde. Dadurch entstünden auch Gemeinsamkeiten im sozialen Bereich und ein entsprechendes Angebot an Diensten, wie z.B. der Mittagstisch am Mittwoch.

Schuldekanin  Moser, die sich als „Bindeglied zwischen Kirche und Schule“ bezeichnet, sieht die Chance einer Visitation darin, dass die Gemeindemitglieder in dem vorgesehen Zeitraum bis März nächsten Jahres „mit wachen Augen“ auf ihre Gemeinde schauen könnten, um so die eigenen Stärken zu erkennen, aber auch zu sehen, wo etwas weggelassen werden oder wo Neues entstehen könne. Dem schloss sich Dekan Waldmann an: „Vieles ist gut, was hier gemacht wird.“ Auch er sah in der Stephanusgemeinde, „dem ältesten ökumenischen Gemeindezentrum“ in seinem Kirchenbezirk, die „Gemeinschaft“ als prägend an. Menschen aus allen sozialen Schichten und vielen Ländern, insbesondere Deutsche aus Russland, machen für ihn das Roßdorf zu einem wirklichen „Schmelztiegel“.   

Der zuvor gezeigte Film (Kamera und Schnitt: Hans-Wolfgang Wetzel) machte einerseits die Vielfalt des Gemeindelebens, andererseits auch die ökumenische Ausrichtung deutlich. Als letzten Programmpunkt organisierte Robby Höschele eine lockere Kunstaktion, bei der die Besucher mittels Blatt und Malstift eine Art „Gesichtsabdruck“ von sich herstellten; diese Werke werden demnächst im Kirchenraum der Stephanusgemeinde zu sehen sein und wiederum die Gemeinschaft symbolisieren. Die wurde zum Schluss auch sichtbar im gemeinsamen Kreis und hörbar in dem Taizé-Lied „Laudate omnes gentes".


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"Unserer Seele kann man nichts antun"

Diakon der koptischen Christen zu Gast im Gottesdienst

Aktueller kann ein Gottesdienst kaum sein: Ein koptischer Christ in den USA hat kürzlich mit seinem provozierenden Video für wütende Reaktionen in der muslimischen Welt gesorgt. Und am folgenden Sonntag (16.9.), der unter der Überschrift „Verfolgte Christen“ stand, berichtete Moheb Mekhaiel, ein koptischer Christ aus Stuttgart, über die Situation der Kopten in Ägypten und in Deutschland – die Einladung ins evangelische Stephanushaus war schon vor längerer Zeit erfolgt.

Moheb Mekhaiel war bereits zum zweiten Mal bei der evangelischen Kirchengemeinde im Roßdorf zu Gast. 1968 geboren, kam er mit 22 Jahren nach Deutschland. Wie die meisten seiner Verwandten und Bekannten ist auch er aus Ägypten emigriert, nur seine Eltern leben noch dort. Sie versuchen dort den Alltag zu meistern, versuchen sich "nicht irritieren zu lassen" durch Demonstrationen und Hassausbrüche. Natürlich haben sie Angst, aber auch davor, dass es ihrem Land wirtschaftlich bergab geht - das könnte ihre Lage verschlechtern. Dennoch stärkt sie ihr Glaube: "Man kann uns nur äußerlich angreifen, aber unserer Seele können sie nichts antun", sagt Mekhaiel.

Mit Sorge beobachtet er die Radikalisierung in einigen arabischen Ländern. In Ägypten sei sie vor allem von Einwanderern importiert worden. Die Mehrheit der Ägypter, meint er, "will eine Verfassung aus dem Geist des Koran". Dass es nach dem oben erwähnten Video, von dem er sich klar distanziert, verstärkt Angriffe auf Kopten in Ägypten geben könne, schließt er nicht aus. Dass koptische Schriften ins Feuer geworfen werden, erschreckt ihn - zur Überraschung der Zuhörer - nicht: es würden ja nur Papier und Tinte verbrannt. Die Kopten seien an den ihnen entgegenschlagenden Hass gewöhnt, sie hätten es gelernt, damit umzugehen, fest stehend in ihrem Glauben: "Alles liegt in Gottes Hand."

Auch in Deutschland fühlten sie sich nicht völlig frei. Sie spürten immer wieder Vorurteile, die sich vielleicht nicht direkt gegen sie, aber gegen Ausländer überhaupt richten. "Wir werden beobachtet", stellt er fest, und sie müssten stets aufpassen, nicht negativ aufzufallen. Von Pfarrerin Birgit Mattausch gefragt, was er sich von seinen europäischen Christen-Brüdern wünsche, antwortet er: "Das Wichtigste ist für uns: Beten Sie für uns. Denken Sie an uns in ihren Gebeten." Gebete könnten Berge versetzen, und als zweites wünscht er sich, dass sich die Europäer informieren, was mit den Christen in den afrikanischen und arabischen Ländern geschieht.

Pfarrerin Mattausch hatte Mekhaiels Bericht in einen passenden liturgischen Rahmen gestellt. Der Psalm 760 ("Selig sind, die verfolgt werden um ihres Glaubens willen.") stand am Anfang, am Ende der Bibeltext "Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." Die Roßdorfer Christen, schloss Birgit Mattausch, könnten den Wunsch, für die Kopten zu beten, besonders gut erfüllen, weil viele von ihnen einst selber in Osteuropa verfolgt wurden.

 

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Abschied von Ernst-Lüder Solte - Organist, Kirchengemeinderat, Mensch mit klugem Kopf und weichem Herzen

Ich werde nicht sterben, sondern leben. Und die Werke des Herrn verkündigen. (Psalm 118,17)

Lüder Solte hat sich alle Nachrufe ausdrücklich verbeten – in aller ihm gelegentlich eigenen Deutlichkeit.
Deshalb drucken wir hier nur eine kleine Sequenz aus der Beerdigungspredigt und ein Gebet ab.
Und sagen leise: Wir vermissen dich, Lüder! Auf ein Wiedersehen in der Ewigkeit...

 

Lüder. Das ist wohl der unschwäbischste Name,, den es geben kann.
Im Krankenhaus in Kirchheim haben sie lieber gleich ins Formular bei „Vornamen“ Prof. Dr. geschrieben.
Lüder.
Lüder bei uns zu haben. Das bedeutete einen vernünftigen Juristenblick und trockenen Spott im Kirchengemeinderat. Das bedeutete norddeutsche Intellektualität fürs Multi-Kulti-Roßdorf.
Das bedeutete plötzliches Berührtsein von Wörtern und Melodien.
Das bedeutete Orgelmusik und Kantorei und Geschichten von griechischem Tanz und feinen Wein im Keller für die Nachsitzungen, die bekanntlich das Beste sind.
Lüder bei uns zu haben. Das bedeutete viel.

Wir beten:
Gott am Morgen, am Mittag und am Abend unseres Lebens, zu dir beten wir. Dich brauchen wir.
Wir bitten dich für Lüders Familie: um Trost, um Segen, um Loslassen und später einmal Neuanfangen.
Wir bitten dich für die Kranken, die Sterbenden im Roßdorf, in Nürtingen und wo wir leben: um Begleitung, um Fürsorge, um Heil.
Wir bitten dich für deine Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Wolke der Zeuginnen: um Wahrhaftigkeit, um Güte, um Humor.
Gott am Morgen, am Mittag und am Abend unseres Lebens, zu dir beten wir. Dich brauchen wir.
Amen.

 

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"Religionsfreiheit - frei von Religion": Veranstaltung des Ev. Bildungswerks mit Mina Ahadi

am 15.März im Stephanushaus

"Religionsfreiheit - frei von Religion": Veranstaltung des Ev. Bildungswerks im Stephanushaus am 15. März 2012